Das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes und seine höheren Stufen – Eine Buchbesprechung

Rezension aus Heft 4/2008, S. 154-155

Dietrich Maerz
Das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes und seine Höheren Stufen
B&D Publishing, LLC, PO BOX 652, Richmond, MI 48062, USA, ISBN 978-0-9797969-1-3, 17 x 24 cm, 411/XIX S., zahlreiche meist fbg. Abb., ca. € 120,00

In MILITARIA 1/2008 wurde die Original-Ausgabe gebührlich gelobt, vor allem die neue Herangehensweise zur Bestimmung zeitgenössischer Originale. Ein Fortschritt in der Faleristik. Wenige Monate nach der originalen englischsprachigen Aufgabe liegt bereits eine deutsche Übersetzung vor. Leider wurde die Chance vertan, die in der Originalausgabe enthaltenen Fehler bzw. missverständlichen Formulierungen auszumerzen. Dies gilt vor allem für die Kapitel Verteilung, Präsidialkanzlei / LDO und Fälschungen. Die Häufigkeit von Aussagen wie unter der nicht bewiesenen Annahme, dass es eventuell doch …, ein klarer Beweis, dass es scheinbar …, könnte sehr wohl, kann man davon ausgehen, es scheint also so zu sein, es kann aber durchaus sein, könnte ein Zeichen dafür sein, es ist schwer zu glauben, scheint klar zu sein, einigermaßen klar zu sein scheint, kann man durchaus davon ausgehen, könnte ein weiterer Hinweis darauf sein, usw. usw. sind nicht Ausdruck eindeutiger, wissenschaftlicher Erkenntnisse.  Es ist auffällig, dass historische Aussagen fast nie mit exakten Quellen belegt werden. Als Deutscher habe ich noch den Vorteil, Originaldokumente lesen und verstehen zu können, und da er nach eigenem Bekunden angeblich über 8000 Seiten von Präsidialkanzlei Dokumenten besitzt, verwundert um so mehr die unpräzise und unvollständige Darstellung. Abzulesen u. a. an zwei EK-Herstellerlisten (eine gleich zweimal im Faksimile enthalten), mit Betonung von 32 Firmen. Es gibt mehrere solche Zusammenstellungen mit bis zu dreimal soviel genannten EK-Herstellern, die keine Berücksichtigung fanden.
Maerz behauptet, er behandelt ausschließlich Exemplare, die entweder eindeutig verliehen wurden oder von der Präsidialkanzlei zu diesem Zweck bestellt wurden. Doch worin sich beide unterscheiden, dass verrät er dem Leser nicht.
Eine angeblich gesetzlose Zeit für die Herstellung hat es nie gegeben, sonst wäre u. a. die Widerrufung der in 1935 erteilten allgemeinen Erlaubnis nicht möglich gewesen. Die Interpretation der Zuständigkeiten vor September 1939 und ihre angeblich oberflächliche Einhaltung geben nicht die Realität wieder, sind für die Kriegszeit jedoch bedeutungslos. Die VO vom 13. September 1939 ist nicht explizit für die Ordenhersteller erlassen worden, sondern ermöglichte dem Staat in alle Bereiche der Wirtschaft regulierend einzugreifen, wovon ab dem 25. Juli 1940 auch für die Produktion und den Handel von Auszeichnungen Gebrauch gemacht wurde. Auf alle Unrichtigkeiten in diesem Zusammenhang einzugehen würde den Rahmen einer Rezension überschreiten. Ein Detail sei herausgegriffen, die erlaubte freie Verwendung von wertvollen Materialien. Dies galt natürlich nur im Zusammenhang mit den Möglichkeiten der kriegsmäßigen Zuteilung von Materialkontingenten. Die hierfür zuständige Reichsstelle konnte sogar der Ordenskanzlei Auflagen machen, was dazu führte, dass selbst bei Aufträgen der Präsidialkanzlei (PKZ) wegen zu kleiner Kontingente von Eisen nicht immer die benötigten Ehrenzeichen produziert werden konnten.
Unverständlich ist, warum die Abbildungstafel zur Verordnung über die Erneuerung des EK vom 1. September 1939 aus dem Reichsgesetzblatt nicht verwendet wird, obwohl in der Bibliographie das RGBl. aufgeführt. Stattdessen wird die schlechtere Kopie aus dem UM mit dessen Datum 15. September verwendet. Das dort abgebildete RK mit der „dreiviertel-Öse“ ordnet er der Fa. Wilhelm Deschler (sic!) in Lüdenscheid zu. Ach ja, die von ihm mehrmals bankrott erklärte Fa. O. Schickle ist während des Krieges kein Opfer einer Firmenpleite gewesen. Zur Fa. Wächtler & Lange hätte man sich eine Stellungnahme zu deren Jubiläumsschrift aus dem Krieg gewünscht, in der stolz von Aufträgen der Präsidialkanzlei zur Produktion von Ritterkreuzen des EK berichtet wird.
Maerz behauptet bzgl. der Verleihung von EK, es ist außerdem bekannt, dass die Vergabepraxis in den späteren Kriegsjahren wesentlich liberaler wurde. Zumindest für das Heer gilt das Gegenteil. Ähnlich unseriös ist seine Annahme über Kopfstärken und Vermutungen über den Verfügungsbestand von EK’s bei den Divisionen. Vom 22.6.1941 (Beginn Russlandfeldzug) bis zum 15.12.1943 wurden z. B. bei der 6. Inf.-Div. 1.750 EK 1. Klasse verliehen, bei der 707. Inf.-Div. im gleichen Zeitraum nur 215 EK I. Wie sollte die 707. Inf.-Division, die im Monatsschnitt 7 EK I verlieh, zu einem Verfügungsbestand von 100 EK I gekommen sein? Auch die Behauptung, ein Divisionskommandeur konnte Eiserne Kreuze nach eigenem Gutdünken verleihen, entspricht nicht den Tatsachen. Auch er durfte seine Zuständigkeit nur im Rahmen enger Grenzen, wie z. B. der Kontingentierung, auszuüben. Andernfalls annullierte das OKH die entsprechenden Verleihungen.
Mit vielen Spekulationen wendet er sich der Frage nach Einführung der PKZ-Liste zu. Mit der Kommentierung, kein einziger der „großen“ Hersteller wird genannt, was etwas verwunderlich ist, publiziert er den ersten Teil der D-Liste der PKZ von Sommer 1943. Es ist eindeutig nicht das eigentliche PKZ-Nummernsystem, denn keine dieser Namen erscheint auf den uns bekannten PKZ-Listen. Seine weiteren Fabulierungen zu den D-Nummern sollte der Leser besser vergessen. Er hat nicht verstanden, dass die PKZ mehrere Firmenlisten führte (mit unterschiedlicher Codierung), jeweils für Hersteller von Orden und Ehrenzeichen, von Miniaturen, Ordensbändern, für Ordensgeschäfte und Hersteller von Ordensdekorationen (das waren nach PKZ-Defination Ordensschnallen). Einzelheiten zu letzterer Gruppe, deren Zulassungs-Nummern mit D 1/42 begannen, sind in der von Dr. Doehle am 16. September 1941 erlassenen Anordnung enthalten.
Maerz meint natürlich die PKZ-Nummern, mit der die Orden und Ehrenzeichen punziert wurden, aus den uns bekannten PKZ-Listen, für die der Leser ebenfalls vergeblich den Nachweis einer Quelle sucht. Um ihn weiter zu verwirren erschien im Februar 1944 eine weitere Auflistung im Uniformenmarkt über für den privaten Handel zugelassene Hersteller von Orden und Zubehör. Die nicht im UM, sondern in der „Deutschen Uniformen-Zeitschrift“ (DUZ) publizierte Liste enthält angeblich nur von der PKZ lizenzierte Hersteller für den Handel und nicht etwa eine Genehmigung von der LDO! Falsch, beides war identisch. Auch diese Liste wird mit unsinnigen Vermutungen kommentiert.
Im Kapitel über (Fälscher-) Aktivitäten nach dem Mai 1945 setzt er sich mit einschlägigen Fakten und Gerüchten auseinander, wobei er zweimal Frau Klietmann, die Frau des bekannten Berliner Ordenskundlers, als geborene Frau Godet (sic!) und als Erbin der bekannten Berliner Ordensfirma enttarnt. Tatsächlich war sie mit der Familie Godet weder verwandt noch verschwägert, auch gab es keine Namensgleichheit. Man sollte nicht mehr ganz so leicht jede „Geschichte“ ohne nachzudenken glauben, diese Maerz-Erkenntnis muss der Leser auch auf sein Buch anwenden.

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