Klaus D. Patzwall: … aber wer nimmt einen letztendlich den Zweifel?

Dieser Beitrag ist im Jg. 2003, Heft 4, Juli-August, S. 129-132,

hier, um Fotos reduziert, abgedruckt.

 Kopien, Fälschungen, Nachfertigungen – die Berichte über diesen Themenkreis sorgen stets für Gesprächstoff und kontroverse Diskussionen in der Sammlerszene. So auch wieder als Reaktion auf den Beitrag in MILITARIA Heft 3/2003 über eine Fälschung der Germanischen Leistungsrune (GL). Zum gleichen Thema neues Gesprächsfutter.

Die massiv vorgebrachten Zweifel an der Richtigkeit der sachlichen Angaben erzwingen eine genauere Darstellung der Quellenkritik von Seite 93. Eine ins Einzelne gehende Begründung für die Einschätzung der vorgestellten Dekoration als Fälschung erübrigt sich. Allein die Tatsache, dass die Fa. R. Sieper & Söhne niemals die RZM-Zulassung M1/25i besaß, was problemlos nachprüfbar ist, macht die abgebildete Auszeichnung wertlos.

Schwieriger ist die Frage hinsichtlich der Zuverlässigkeit von Quellenangaben in der Literatur zu beantworten. Natürlich muss der Leser sich auf die Zuverlässigkeit der publizierten Fakten verlassen können. Darum enthalten Fachbücher (wissenschaftliche sowieso) auch Quellennachweise, die eine Nachprüfung aller Aussagen ermöglichen. In der Praxis bleibt dieser Weg dem Sammler verschlossen, denn im Zweifelsfall wird er nicht aufwendige Reisen zu Archivbesuchen unternehmen. Wozu auch. Jeder seriöse Historiker oder Sachbuchautor wird sich bei der Nennung seiner Quellen größter Genauigkeit befleißigen, denn widrigenfalls verliert er seine Glaubwürdigkeit. In diesem Sinne macht der Autor Nimmergut z. B. Werbung mit folgender Aussage: „Der Unterschied zwischen einer Behauptung und einem Beweis ist die nachvollziehbare Quelle.“ii

Im Beitrag über die Kopie der GL wurden aus „Deutsche Orden und Ehrenzeichen bis 1945“, Band IV,iii folgende Fakten zitiert:

  1. die erste Fertigung war aus Bronze versilbert,

  2. sie war im Durchmesser 5 mm größer,

  3. Hersteller der GL war eine Firma in Kremnitz,

  4. der Herstellungsauftrag wurde von der Kanzlei des RFSS vergeben.

Für a) bis c) wird als Quelle ein Briefwechsel im Berlin-Document-Center „SS 428“ genannt, für d) fehlt ein Herkunftsnachweis. Die Bestände des BDC wurden in den 50er Jahren mikroverfilmt und sind, soweit es sich um Sachakten handelt, beim NARS als Gruppe T-580 katalogisiert und erhältlich. Seit fast einem Jahrzehnt ist die ehemalige amerikanische Einrichtung Teil des Bundesarchiv-Berlin. Die übernommenen Dokumente wurden umsigniert. Der Schriftwechsel „Hoffstätter“ befindet sich seitdem im Bestand NS 31.

Am 22. Februar schrieb die Bonner Fa. Hoffstätter an den Persönlichen Stab des Reichsführers-SS, indem ihr Inhaber daran erinnerte, in der Kampfzeit alle Lieferungen für die SS ausgeführt zu haben. Auch ein Hinweis auf seine Tätigkeit als NSDAP-Kreisleiter fehlte nicht, um dann sein eigentliches Anliegen vorzubringen:

In der Zeitung sah ich nun eine Abbildung der von Ihnen neu gestifteten Germanischen Leistungsrune. Ich weiß nicht, von wem der Entwurf stammt und ob evtl. schon Originale gefertigt wurden. Ich würde es jedenfalls als eine besondere Ehre ansehen, diese Auszeichnung herstellen zu dürfen. Sie werden sich denken können, dass wir, da wir bereits seit frühester Kampfzeit der Hauptlieferant der SS waren, auch selbstverständlich heute den größten Wert darauf legen, weiterhin für die SS – soweit die Artikel im Kriege noch hergestellt werden dürfen – tätig zu sein.“

Diese Anfrage brachte den Persönlichen Stab des Reichsführers-SS, von Nimmergut als Kanzlei des RFSS tituliert, in Verlegenheit. Niemand dort kannte die Firma Hoffstätter. Also wandte sich Himmlers Stabsleiter, SS-Obersturmbannführer Dr. Brandt, mit Schreiben vom 4. April an den Chef des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamtes. Er bat um Auskunft, ob die Fa. Hoffstätter als Lieferant bekannt sei. „Ob sie für die Fertigung der germanischen [sic] Leistungsrune herangezogen werden kann, vermag ich nicht zu übersehen, da mir nicht bekannt ist, von wem dieses Abzeichen [sic] hergestellt wird.“

Festzuhalten bleibt zunächst, dass dem Stab des Reichsführers-SS die Existenz einer Auszeichnung mit der Bezeichnung Germanische Leistungsrune im April 1944, also ein Jahr nach seiner Stiftung und zwei Monate nach der erstmaligen Verleihung, völlig unbekannt war. Somit kann die Angabe von Nimmergut, der Persönliche Stab RFSS hätte den Herstellungsauftrag erteilt, keinesfalls richtig sein.

Am 20. April 1944 antworte der angeschriebene SS-Hauptamtschef. Sein Brief ist sozusagen das Schlüsseldokument in diesem aus 3 Blatt bestehenden Vorgang. Das hier im Faksimile abgedruckte Dokument ist im BA zu finden unter der Signatur NS 31/397, Bl. 128. Wie zu sehen, ist es von schlechter Qualität, sein Wortlaut wird daher – um jeden Zweifel auszuschließen – abgedruckt:

Betrifft: Firma H o f f s t ä t t e r

Bezug: Ihr Schreiben vom 4.4.44 Tgb.Nr. 11/65/44 Rg.Hm.

Mein lieber Brandt!

Die Beantwortung Ihres Briefes hat sich leider etwas verzögert, da ich erst mal feststellen musste, ob über diesen Vorgang irgendwelche Unterlagen beim SS-Hauptamt oder bei uns vorliegen. Leider war dies nicht der Fall. Der SS-Standartenführer Spacil, der damals schon bei der Reichsführung-SS in München tätig war, hat jedoch bestätigt, dass die Angaben der Firma stimmen.

Auf eine Anfrage beim SS-Hauptamt, welche Firma die germanischen [sic] Leistungsrunen anfertigt bzw. ob eine Beteiligung der Firma Hoffstätter an der Lieferung derartiger Abzeichen [sic] möglich wäre, teilte die Germanische Leitstelle in Hildesheim am 18. mit, dass, soweit dort bekannt, die Leistungsrunen von einer Firma in der Slowakei hergestellt wurden. Die Germanische Leitstelle fragt inzwischen noch beim Amt für Leibeserziehung an, ob in absehbarer Zeit Neubestellungen nötig wären und dabei die Firma berücksichtigt werden könnte. Ich lasse Ihnen diese Mitteilung sofort nach Eingang zugehen.

Die Vergebung eines Auftrages durch das SS-W.-V.Hauptamtes an genannte Firma ist nicht möglich, da wir keinen Bedarf in den von der Firma hergestellten Erzeugnissen haben, bzw. die gesamten Beschaffungen über das Wehrmachtbeschaffungsamt laufen. Ich habe daher der Firma nicht geschrieben.

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Heil Hitler!

gez. Ihr Pohl

SS-Obergruppenführer und

General der Waffen-SS

Dieses Schreiben bezeugt ebenfalls die Tatsache, dass der Persönliche Stab des RFSS mit der Beschaffung der GL niemals befasst war!iv Entgegen den Angaben der zitierten Veröffentlichungv kommt im gesamten Schriftwechsel auch nicht die Ortsbezeichnung Kremnitz oder irgendeine Angabe zur Herstellung, wie Maße oder Material, vor.

Alles nur ein Irrtum? Nun mag man einwenden, bei der Fülle des vom Autor bearbeiteten Materials sei ein Fehler schon mal möglich. Einmal, vielleicht. Wenn da nicht die vielen anderen Unrichtigkeiten wären, über die das OMMvi, MILITARIA (mit Details zum Abschnitt Deutsches Reich)vii, sowie zuletzt das Herold-Jahrbuchviii ausführlich berichteten. Unisono werden u. a. nicht nur gefälschte Quellen, sondern auch manipulierte Bilder (Computeranimationen mit frei erfundenen Gewichtsangaben) und die Abbildungen von Fälschungen als Referenzexemplare, angeprangert.

Wie lautet doch der Werbeslogan des kritisierten Autors? „Der Unterschied zwischen einer Behauptung und einem Beweis ist die nachvollziehbare Quelle. Nur Quellen geben Sicherheit.“ix In diesem Sinne bedeuten seine vier Bände für die deutsche Faleristik das größte denkbare Sicherheitsrisiko.

Quellen

i Selbst die Schreibweise „M 1/25“ ist verkehrt, denn statt der arabischen Ziffer „1“ verwendeten die Fälscher das Zeichen „I“.

ii Jörg Nimmergut: Deutsche Orden und Ehrenzeichen, München 2001, Band IV, S. 2472

iii Nimmergut a.a.O., S. 2007-2008

iv Die Veröffentlichung MILITARIA 3/2003, S. 94, enthält irrtümlich die unrichtige Angabe, wonach der Herstellungsauftrag vom SS-WVHA erteilt wurde.

v Nimmergut, a.a.O., S. 2008

vi Vgl. OMM Nr. 82, S. 51-53

vii Vgl. MILITARIA, 2/2002, S. 23-28

viii Vgl. Herold-Jahrbuch, Neue Folge, 7. Band, Neustadt a.d. Aisch 2002, S. 243-246

ix Vgl. Anm. 2; oder z. B. „OuE“, Nr. 24, S. 57. Ergänzend wird darüber informiert, dass u. a. eine „… Textsammlung (amtlicher Schriftwechsel) … eine Protokollsammlung aller offiziellen tragbaren Auszeichnungen Deutschlands bis 1945 sowie Unterlagen über Kopien“ vorhanden ist. Der Autor arbeitet als vereidigter Sachverständiger für Orden und Ehrenzeichen.

 

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