Klaus D. Patzwall: Gekaufte militärische Ehrenzeichen im Focus

„Orden und Ehrenzeichen“ (OuE) Nr. 81 (Oktober 2012) enthält einen Beitrag von Jörg Nimmergut: „Kurzer Abriss der Geschichte des deutschen Kriegervereinswesens 1835 bis 1943“.  Auf diese mit Fehlern gespickte Darstellung folgte bereits am 22. Oktober hier im Blog eine kritische Würdigung,[1] die zwischenzeitlich erweitert in gedruckter Form vorliegt.[2] Die gravierenden und belegten Mängel blieben von seinem Verfasser bislang unbeachtet, mit Ausnahme eines Details. Gemeint ist der Schwindler Max Schiffel, bisher laut Nimmergut Inhaber zahlreicher Titel und höchster Ämter. Doch frei nach der Devise, was schert mich mein dummes Geschwätz von gestern, veröffentlicht er kaum zwei Monate später zusammen mit dem IMM-Chefredakteur einen Beitrag über gekaufte militärische Ehrenzeichen zweifelhafter Anbieter, die er bislang weitgehend als Kriegervereinsauszeichnungen gelistet hat.[3] Darin bezweifelt er plötzlich die eigenen Angaben hinsichtlich der angeblichen Auszeichnungen, Dienstgrade und Titel von Schiffel, wie es bereits zuvor in MILITARIA zu lesen war. Doch nicht wie es guter Brauch unter Fachautoren ist, Nachträge, Ergänzungen bzw. Berichtigungen in dem Organ abzudrucken, in dem der Beitrag ursprünglich erschien, zieht Nimmergut es vor die tatsächlichen Fakten nicht in OuE., sondern in einer anderen Zeitschrift zu publizieren. Womit ihm zusätzlich das Eingeständnis schlampiger Arbeit gegenüber den OuE-Lesern erspart bleibt. Doch das Duo Nimmergut / Lautenschläger schafft es die Falschinformationen über Max Schiffel zu toppen. Dem Verfasser liegt jedoch ein Bild vor, das mehr verwirrt als aufklärt: die Aufnahme ist eigenhändig auf 1927 datiert. Im Text darunter sind Schiffels Funktionen in Vereinen aufgeführt, die zum Zweck des Vertriebs von käuflichen Ehrenzeichen bestanden, mit dem Vermerk „ehemalig“. Nimmergut /  Lautenschläger kommentieren dieses Dokument: Warum Schiffel 1927 seine Gründungen als „ehemalig“ bezeichnet ist unklar, beide Vereine bestanden nach der Fotoaufnahme noch sieben Jahre![4]  Man muss schon sehr verwirrt sein um sich absolut nicht vorstellen zu können, dass Schiffel irgendwann, nach dem Verbot der Vereine zur gewerbsmäßigen Verleihung von Auszeichnungen, den wahrheitsgemäßen Text verfasst, mit seinem Bild geschmückt und es mit dem Entstehungsjahr – 1927 – datiert hat. Oder setzen sie auf die Einfältigkeit der Leser?
Im Beitrag über zweifelhafte Anbieter gekaufter militärischer Ehrenzeichen nach 1918 finden sie deren Ursprung in der Weimarer Verfassung von 1919 Artikel 190, Abs. 5,[5] mit dem generellen Verbot der Stiftung und Annahme von Orden und Ehrenzeichen. Ausgelöst durch die nicht erfolgte Stiftung einer Kriegsdenkmünze. Schon 1917 startete man die ersten behördlichen Vorarbeiten, um nach dem Ende des … 1. Weltkrieges … eine Erinnerungsmedaille … verleihen zu können, was sich vor allem durch die Barriere von Art. 109 der Reichsverfassung nicht realisieren ließ. Tatsächlich hatte jedoch Kaiser Wilhelm II. bereits 1915 die Vorlage von Entwürfen gefordert und das Preußische Kriegsministerium mit der Abfassung von Bestimmungen beauftragt! 1917 waren diese Arbeiten weitgehend abgeschlossen.

Auch bei der Einschätzung der Repräsentanten verschiedener Vereine sind die Aussagen des Autoren-Duos teilweise ihrer Verwirrtheit geschuldet. Sie alle dienten, oft etwas naiv, der guten Sache, und hatten einen unantastbaren Ruf. Wer den General Ludendorf, extremer Antisemit und Teilnehmer am Putsch vom 9. November 1923, derartig rühmt, disqualifiziert sich.[6] Das Layout eines Besitzzeugnisses muss als Beweis dafür herhalten, dass es sich zweifellos so liest, als hätte Ludendorff persönlich Ehrenzeichen verliehen. Es ist zumindest eine Veranstaltung in München bekannt, in der von ihm 285 Dekorationen überreicht wurden.

Auch der Ordensrat der „Deutschen Ehrendenkmünze des Weltkrieges“[7] bestand angeblich aus einer Reihe von Persönlichkeiten mit guten Namen. Dazu gehörte z. B. Hptm. Rudolf Hering, der sich seit 1920 Hering-Deutschwehr nannte. Die Zeitung „Vorwärts“ der SPD titulierte ihn 1923 als „Judenfresser“ (sic!). Der „gute Name“ Hering spielte eine wichtige Rolle im „Verband nationalgesinnter Soldaten“ bis zu dessen Verbot in Preußen. Unter Verlegung nach Bayern entstand daraus der Ordensrat i. V. (Deutsche Ehrenlegion) mit dem Kanzler Hering-Deutschwehr an der Spitze. 1927 verlegte der Ordensrat zurück nach Berlin und an Stelle von Hptm. a. D. Hering trat der Freikorpsführer Olt. Roßbach. Der Reichskommissar zur Überwachung der öffentlichen Ordnung observierte den Verein wegen Verdacht auf rechtsradikale Aktivitäten. Hierbei stieß man auf das dem General Ludendorf nahestehende Mitglied Kutzleben, ein Angehöriger der Organisation Consul, die durch politische Morde bekannt ist.

Der IMM-Artikel enthält auch die üblichen kleinen Tricksereien hinsichtlich der Quellen. Die auszugsweise zitierten Schreiben befinden sich nicht am genannten Ort.[8] Der eingangs erwähnte Aufsatz von Dr. jur. Clemens Amelunxen wird mit seiner Erstveröffentlichung nachgewiesen, die für Ordenssammler nur aufwändig zugänglich ist.[9] Der vollständige Nachdruck im OMM, Nr. 16/17, Steinau 1984, S. 395-399, bleibt unerwähnt.


[1] Es ist ein amüsanter Zufall, dass der OuE-Redakteur ausgerechnet in Nr. 81 sein Blatt lobt: Wo kann man sich – mit Ausnahme dieser Zeitschrift – besser … informieren …
[2] MILITARIA (35) November/Dezember 2012, Heft 6, S. 212 f.
[3] IMM Nr. 158, November/Dezember, S. 5-23
[4] a. a. O., S. 14

[5] a. a. O., S. 5. Die Autoren meinen jedoch den Artikel 109!
6] In diesem Zusammenhang erscheint die Anmerkung angebracht, dass Jörg Nimmergut in „Abzeichen und Auszeichnungen deutscher Kriegervereine 1800 – 1943“ grundsätzlich nur monarchistische oder nationalsozialistische Organisationen berücksichtigt, jedoch keine, die als republikanisch bzw. verfassungstreu eingestuft werden, wie z. B. der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten.
[7] a. a. O., S. 10. Die Abkürzung in „Deutsche Ehrendenkmünze des Weltkrieges D.E.d.W“ steht für Deutsche Ehrendenkmünze des Weltkrieges. Es handelt sich also um einen weißen Schimmel.
[8] a. a. O., S. 19. Neben der falschen Ortsangabe fehlt die Akten-Signatur.
[9] Geltungsschwindel. Kriminologische Daten zum Geschäft mit der Eitelkeit, Archiv für Kriminologie, Bd. 158, Heft 1 und 2, Lübeck 1976, Verlag Schmidt-Römhild

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