Eine gespenstische Debatte

Die Tapferkeits- und Verdienstauszeichnung für Angehörige der Ostvölker (Ostvölker-Ehrenzeichen),  gestiftet am 14. Juli 1942, führte im SDA zu engagierten Diskussionen. Hierbei ging es im Wesentlichen darum, ob es sich um ein Ehrenzeichen, oder einen „EK-Ersatz“, handelte.

Angesprochen wurde der angebliche Mythos, dass „A. H. nicht wollte, das osteuropäische Staatsbürger das EK verliehen bekommen sollten und deswegen die Neuschaffung einer Auszeichnung veranlasst wurde, was als vollkommener Unsinn abqualifiziert wurde.

An dieser Stelle ist ein Hinweis auf die zahlenmäßige Größe angebracht, um die es hier geht. Die Forschung geht von mindestens einer Millionen Soldaten aus, überwiegend Sowjetbürger, die als Freiwillige im Rahmen der Wehrmacht gegen das kommunistische System in ihrer Heimat kämpften. Dazu kommen Freiwillige in Polizeiverbänden und der Verwaltung. Markantes Beispiel ist der Bezirk Loki unter dem späteren SS-Waffen-Brigadeführer B. Kaminski (MILITARIA 15 (1992 H. 5, 1993 H. 2 und 3)

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 Die „Neue IZ“ vom 6. April 1943 brachte dieses Bild vom Führer des Partisanen-Jagdkommandos eines landeseigenen Verbandes, dekoriert mit dem EK I und der Tapferkeitsauszeichnung 2. Klasse in Silber.

Allen Stellungnahmen gemeinsam ist, dass sie Grundkenntnisse des historischen Umfeldes vermissen lassen. Keinerlei Berücksichtigung findet auch der Umstand, dass kriegsbedingte „Sachzwänge“ in den Jahren 1941/45 zu mehrfachen Änderungen führten, auch in Fragen der ideologischen Einstellung zu den „Ostvölkern“. Folglich gab es keine statische deutsche Verleihungspraxis.

Festzuhalten ist, die Initiative zur Schaffung einer Auszeichnung für Völkerschaften auf dem eroberten Territorium der Sowjetunion ging vom OKW aus. Im Frühjahr 1942 schlug es die Stiftung von einem „Ostkreuz“ und einer „Kaukasischen Freiheitsmedaille“ vor, letztere um die Gefühle der Mohammedaner zu berücksichtigen. Der Reichsminister für die besetzten Ostgebiete regte eine gemeinsame Auszeichnung für Zivilisten und Kombattanten in 2 Stufen an, was dann modifiziert realisiert wurde.

Die Verwendung des Begriffs „Untermenschen“ sollte man unterlassen, er kommt in den Amtsdrucksachen nicht vor. Was unter Angehörigen der Ostvölker subsumiert wurde listet Dietrich [Maerz] nach Originalunterlagen unvollständig auf. Er beruft sich auf eine Notiz Himmler an Obergruppenführer Wolff, Juni 1944. Der vollständige Text lautet: Bei den fremden Hilfskräften handelt es sich um Letten, Esten, Litauer, Ukrainer, Weißrussen, Tartaren, Kosaken aber auch um Kaukasus-Völker und um sonstige Stämme des russischen Reiches, außerdem um polnische und ukrainische Polizeikräfte im Generalgouvernement sowie um windische und slowenische Hilfskräfte in Kärnten und in der Steiermark, schließlich um sonstige Hilfskräfte nicht germanischer Art. Er stammt aus einer Niederschrift von RFSS Himmler mit dem Titel „Gedanken über die Schaffung einer Tapferkeitsauszeichnung für die in deutschen Diensten stehenden Männer fremder Rasse“ und ist datiert mit 2. Juni 1942 (!).

Die Forum-Experten gehören anscheinend nicht zu den Sammlern/Ordenskundlern, die Fachwissen aus der Literatur schöpfen. Ausführlich ist dieser Vorgang bei Jörg Nimmergut nachzulesen, bereits seit 2001 (!). (Deutsche Orden und Ehrenzeichen bis 1945, Band IV, S. 2334-2341).

Maerz merkt an, dass Soldaten der Verbündeten nicht mit dem Ostvölker-EZ dekoriert werden konnten. Das in seiner Auflistung (Auswahl) genannte Finnland gehörte jedoch nicht zu dieser Gruppe. Interessant ist die Kommunikation der Entscheidungsträger, die nicht immer mit der Öffentlichkeit im NS-Regime korrespondierte. Am 20. August, also gut einen Monat nach der Stiftung, meldete sich Unterstaatssekretär Dr. Doehle telefonisch beim Persönlichen Stab RFSS, da er gerüchteweise vernommen habe, Reichsführer-SS wolle eine besondere Auszeichnung für Angehörige der Ostvölker stiften und verleihen. Es ging ihm um ein Einvernehmen in Ordensfragen.

Es meldete sich Dietrich (Maerz) zu Wort mit einer Notiz OKH, datierend Januar 1944, aus meinem Aktenbestand, der wohl recht eindeutig den Willen des Führers belegt: Das EK1 und das EK2 als auch das KVK 1. Und 2. Klasse konnte zusätzlich zu den Auszeichnungen für Ostvölker verliehen werden. Also ist es NICHT eindeutig, das „deutsche Traditionsauszeichnungen an, seiner Meinung nach, Untermenschen verliehen werden.“ Ganz im Gegenteil. Zur „Notiz“ merkt er an, sie ist noch nie veröffentlicht worden, und fuer mich ist es immer wieder erstaunlich, wie wenig Grundsatzforschung bisher betrieben wurde. Zu sehen ist eine Ausschnitt-Abbildung. Seine Aussage ist wirklich erstaunlich und dahingehend zu berichtigen, dass Ordenskundlern dieses – und andere Dokumente – seit Jahrzehnten bekannt sind. Um Unterstellungen vorzubeugen wird hier das vollständige Dokument abgebildet. Da sein Inhalt am 7. März 1944 in den Allgemeinen Heeresmitteilungen (S. 65) abgedruckt wurde, ist sein Inhalt leicht zugänglich, der Faksimile-Abdruck macht daher keinen Sinn. Es zeugt nicht von „wissenschaftlicher“ Sorgfalt, eine vom Oberkommando des Heeres (OKH) in seinem Befehlsbereich verbreitete Anordnung seiner vorgesetzten Dienststelle (OKW) als OKH-Notiz herabzustufen.

Die EK-Verleihungen an ausländische, auf den Führer vereidigte Freiwillige beim Einsatz gegen die Sowjetunion, wurden erstmals durch Geheim-Erlass vom 29.10.1941 für das Heer geregelt. Dies war notwendig geworden durch die Verbände der Waffen-SS. Nach den für deutsche Soldaten geltenden Bestimmungen konnte auch das KVK und Kampfabz. verliehen werden. Eine Einbeziehung der Ethnien aus dem Osten stand nicht zur Debatte, da zu diesem Zeitpunkt keinesfalls vorgesehen.

Nach dem gescheiterten Blitzkrieg im Winter 1941/42 rückten die russischen Kriegsgefangenen in den Focus, sie wurden dringend in der Rüstungsindustrie benötigt. Hitler untersagte zunächst deren Verwendung im Reich. Doch die Sachzwänge veranlassten Hitler, wenn auch widerwillig, zunehmend seine Position in dieser Frage und hinsichtlich der Verwendung von Ostvölkern in der Wehrmacht, sogar der Waffen-SS, aufzugeben. Diesen Gegebenheiten wurde auch das Auszeichnungswesen angepasst.

Dem Protokoll eines Vortrags beim Führer vom Reichsminister A. Rosenberg am 8. Mai 1942 ist zu entnehmen, dass er und das OKW jetzt EK-Verleihungen an die Balten befürworteten, Hitler aber noch Bedenken hatte. Die Entscheidung wurde vertagt.

Wenig später waren EK-Verleihungen, auch von Kampfabzeichen, für die Freiwilligen aus den baltischen Staaten möglich, wenn auch mit geänderten Durchführungsbestimmungen. Dies geschah im Vorgriff auf eine geplante gewisse Autonomie dieser Länder. Daher zählten auch die im Reich befindlichen Esten usw. nicht zu den „Ostarbeitern“.

Spätestens mit der Aufstellung von auf den Führer vereidigten Kampfeinheiten, die aus den Völkerschaften Osteuropas bestanden, musste generell eine Klärung erfolgen. Der Deutsche Adlerorden kam nicht in Betracht, deutsche Ehrenzeichen sollten die Völker des Ostens nicht erhalten, also musste für sie ein eigenes EZ geschaffen werden. Verschiedene Institutionen wurden parallel aktiv. Wie schon erwähnt das OKW, RFSS-Himmler, die OT verlieh ein eigenes Ehrenzeichen und die Waffen-SS plante z. B. für die Mohammedaner vom Balkan den Skanderbeg-Orden.

Für Polen in der Wehrmacht war das Ostvölker-EZ ebenfalls nicht vorgesehen, sondern das KVK. 1941 erging ein generelles Trageverbot von Auszeichnungen durch Zivilarbeiter polnischen Volkstums. In diesem Zusammenhang ist der Hinweis angebracht, dass das Ostvölker-EZ nicht nur eine Tapferkeits- sondern auch eine Verdienst-Auszeichnung für Zivilisten war. Für letztere gab es noch andere Ehrungsmöglichkeiten. Das Ostvölker-EZ für Verdienst wurde 1942 auch in geringer Zahl an Deutsche der dem Ostministerium unterstehenden Verwaltung verliehen. Entgegen der Vorschrift.

Angesprochen wurde die Verfügung über die Verleihung von Verwundetenabzeichen an Ostvölker. „Dietrich“ bat um Quellennachweis. Hier kann ihm geholfen werden: Allgemeine Heeresmitteilungen 1944, Nr. 545.

Wie bereits ausgeführt, die Entwicklung von 1941 bis 1945 war fließend. Am Ende standen in der Wehrmacht z. B. 2 Divisionen und 1 Lw.-Geschwader, bestehend aus Russen und unter eigenem Kommando, mit der Befugnis zur Verleihung von Auszeichnungen. Die sog. Wlassow-Bewegung war als Exil-Regierung vom Deutschen Reich völkerrechtlich anerkannt worden. (Russland als Deutschlands Verbündeter im 2. Weltkrieg. (In: MILITARIA 10 (1985) H. 10) Ein ähnlicher Fall war der von der Bewegung Freies Indien verliehene Orden Azad Hind, dessen Bearbeitung durch das SS-Führungshauptamt erfolgte.

Faleristik ist eine Wissenschaft und muss auch so betrieben werden, sagt D. Maerz, und betont mehrfach, seine Aussagen erfüllen diesen Anspruch. Tatsächlich gilt Faleristik nicht als Wissenschaft, sondern als „Hilfswissenschaft“. (Definition des Phaleristik-Begriffs bestätigt. In: OuE 11 (2001), S. 49)

Warum wurden diese Ostvölker-Auszeichnungen generell geschaffen? Seine Antwort darauf ist, auch das ist in der Literatur bekannt, diese Auszeichnungen sind kein Orden oder Ehrenzeichen, sondern ein Kampfabzeichen […..] als sichtbares Zeichen der Anerkennung für Tapferkeit und Verdienste. In der VO über die Erneuerung des EK heißt es: Das EK wird ausschließlich für besondere Tapferkeit vor dem Feinde und für hervorragende Verdienste in der Truppenführung verliehen. Unter Außerachtlassung der Verdienstauszeichnung sind die Voraussetzungen identisch. Über diesen Zusammenhang schreibt Dr. Klietmann: Damit war ein weiterer Schritt getan, dieses Ehrenzeichen herabzustufen. Zugegeben, eine unglückliche Formulierung um darzulegen, dass mit der Einordnung des Ostvölker-EZ in die Gruppe der Kampfabzeichen eine ideelle Qualitätsminderung verbunden war. Oder anders ausgedrückt, wegen ideologischer Vorbehalte gegenüber den zu Beleihenden wurde das Ehrenzeichen, trotz der geforderten Bedingungen und seiner Gestaltung, als Kampfabzeichen „abgestraft“. Es ist billig zu sagen, hier irrt Klietmann (und nicht zum ersten Mal). Maerz hat ihn schlicht nicht verstanden (hat er ihn gelesen?), aber hält einem Diskutanten vor, was ist daran so schwierig zu kapieren? Für Maerz gab es keine Ostvölkerauszeichnung als Ehrenzeichen.

Aufgrund des dem Reichskanzler zustehenden militärischen Verordnungsrechts, das er auch delegieren konnte, unterzeichnete Hitler am 3. Mai 1942 die VO über den Schutz der Waffenabzeichen der Wehrmacht. Hierzu gehörten 1. Die anläßlich des gegenwärtigen Krieges eingeführten Kampfabzeichen, […..]. Vor dem 2. Weltkrieg kannten weder das Deutsche Reich noch seine Länder Kampf- oder Waffenabzeichen. Ihre rechtliche Position war bis 1942 nicht eindeutig. Untergliedert nach Wehrmachtteilen und Sachgruppen, genossen die Waffenabzeichen in strafrechtlicher Beziehung denselben Schutz wie Orden und Ehrenzeichen gemäß dem Gesetz über Titel, Orden und Ehrenzeichen vom 1. Juli 1937. De jure und de facto waren somit alle Waffen- und Kampfabzeichen Ehrenzeichen, natürlich auch das Ostvölker-EZ. Die Bundesrepublik als Rechtsnachfolger des Deutschen Reichs hat dem Rechnung getragen und die Waffen- und Kampfabzeichen in sein Ordensgesetz integriert. Um jeden Zweifel auszuschließen, wird im Kommentar festgestellt: Wo das Ordensgesetz in dieser und in den späteren Bestimmungen von Orden und Ehrenzeichen spricht, sind stets auch die Waffenabzeichen mit einbegriffen.

Kaum einen der Foren-Generation dürfte bekannt sein, dass Dr. Klietmann am Ordensgesetz von 1957 als Sachverständiger beratend mitgewirkt hat. ER wusste worüber er schrieb.

Das angebliche „Nur-Kampfabzeichen“ fand aber bereits während des Krieges Eingang im Ordensrecht, wie in der VO über den Verlust von Orden und Ehrenzeichen oder der durch die Wehrmacht festgelegte Reihenfolge an der Ordensschnalle. Danach rangierte das Ostvölker-EZ nach der KVK-Medaille und vor dem Kreuz der Ritter des Preußischen Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern und allen sonstigen Orden aus der Zeit bis 1918.

Resümee, diese SDA-Diskussion bestätigt die im letzten OuE 17 (2015), Nr. 95, vom Redakteur im Editorial u. a. gebrachte Feststellung, dass in Foren Meinungen oft zu Wahrheiten und Informationen aus dritter Hand zu Quellen mutieren.

 

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