Anmerkungen zur Wehrmacht-Dienstauszeichnung

von Klaus D. Patzwall

Kaum ein Sammler oder ordenskundlicher Autor vermag den Verleihungs- und Durchführungsbestimmungen für Dienstauszeichnungen etwas abzugewinnen. Doch auch sie können interessante geschichtliche Zusammenhänge sichtbar machen, wie ein Artikel über den ordenskundlichen Nachlass eines Polizeioffiziers aufzeigt.[1] Zumindest der Teil der Geschichte, die sich mit der Wehrmacht-Dienstauszeichnung und der Polizei-Dienstauszeichnung befasst, entspricht den leider nicht so seltenen Veröffentlichungen von Autoren, die sich nicht den Strapazen einer intensiven Recherche unterziehen. Es werden einige Informationshappen mit Meinungen oder unbegründeten Vermutungen angereichert und schon ist eine falsche Informationskulisse fertig. Negativ berührt auch die nicht immer fachgerechte Terminologie. So wird die Dienstauszeichnung der Wehrmacht als „Militärdienstauszeichnung“ tituliert, sogar mit Berufung auf den DOEHLE, der diese Bezeichnung nicht verwendet.[2] Genug Gründe, um auf einige der Unstimmigkeiten  hinzuweisen bzw. zu berichtigen.

Nach Autorenmeinung war  Hauptmann der L.P. Dr. Schäfer aus noch unbekannten Gründen noch 8 Tage, vom 16.3.1936 bis zu seiner formalen Überstellung am 24.3.1936 … aktives Mitglied der neuen Wehrmacht.[3] Angeblich begriff sich der Polizeioffizier als aktiver Soldat und stellte daher einen Verleihungsantrag zur II. Klasse an das Heerespersonalamt (HPA), dem stattgegeben aber im Folgejahr widerrufen wurde. Merkwürdig sind die Interpretation zu den 1937 ergangenen Erläuterungen der Durchführungsbestimmungen und ihre Anwendung in diesem Fall, wonach sie u. a. auch alle diejenigen Fälle missliebiger Personen [regelten], die nach der Machtergreifung zwangsausgeschieden waren.[4] Vermutlich dachte der Verfasser an  einen Erlass des Oberkommando des Heeres,[5] den er – fast wortgleich – in seiner Anmerkung zitiert: Ein Landespolizeibeamter, der mit seiner Formation in die Wehrmacht übernommen, jedoch zur Polizei zurückgetreten ist, ohne Dienst wie die übrigen Soldaten getan zu haben, kann die Dienstauszeichnung nicht erhalten, weil durch die Dienstauszeichnungen die Dienstleistung in der neuen Wehrmacht ausgezeichnet werden soll.

Die Unterstreichung zitiert zur Klarstellung die Einführung der Stiftungsverordnung vom 16. März 1936.[6] Jegliche Konstruktion einer Verbindung zu „missliebigen Personen“ ist unsachlich. Die 1937 durchgeführten Überprüfungen waren eine Folge der im Vorjahr irrtümlich erfolgten Verleihungen. Zurückzuführen auf den Einmarsch der Wehrmacht in die entmilitarisierte Zone im Rheinland am 7. März 1936. Hitler hatte sich zu diesem Termin kurzfristig entschlossen. Das Reichskabinett wurde durch Hitler erst am Tag vorher informiert. Als Folge des Einmarsches wurden die in diesem Gebiet noch bestehenden Landespolizei-Inspektionen West, Südwest und Süd in die Wehrmacht überführt.[7] Die Angehörigen dieser LP-Inspektionen wurden mit Datum 16. März 1936 Soldaten der Wehrmacht.[8] Im Laufe der folgenden 8 Tage (bis zum 24. März 1936) prüfte das   Oberkommando des Heeres, ob eine Übernahme als geeignet in Frage kam oder mit sofortiger Wirkung der Beamte seinem bisherigen Dienstherrn, dem Reichs- und Preußischen Minister des Innern, wieder zur Verfügung gestellt wurde. Wie in diesem und weiteren Fällen.[9] Nur diese speziellen Fälle sind von einigen Verleihungsdienststellen unterschiedlich interpretiert und darum 1937 überprüft worden. Es kam zu Rücknahmen der unrechtmäßigen  Verleihungen.[10]

Nicht nachzuvollziehen ist die Schlussfolgerung, die Dekorationen waren wahrscheinlich für die Ausgeschiedenen privat zu beschaffen.[11] Nur weil im Benachrichtigungsschreiben vom 3.10.1936 zwecks Aushändigung der Urkunde die Dekorationen explizit nicht erwähnt werden, wofür es eine simple Erklärung gibt. Zwei Wochen zuvor unterzeichnete der Reichskriegsminister und Oberbefehlshaber der Wehrmacht am 17. September 1936 einen Erlass, in dem er u. a. anordnete: … wird es voraussichtlich nicht möglich sein, die Dienstauszeichnungen so rechtzeitig fertigzustellen, daß sie am 2. Oktober 1936 den Beliehenen ausgehändigt werden können. Der 2. Oktober 1936 als Tag der erstmaligen Verleihung der Dienstauszeichnungen bleibt trotzdem bestehen. An diesem Tage werden aber, soweit Dienstauszeichnungen noch nicht vorhanden, lediglich die Besitzzeugnisse übergeben. Das Wehrkreiskommando VII in München ordnete zur Einziehung der DAZ an, die eingezogenen Dienstauszeichnungen sind dem Heeres-Bekleidungsamt zwecks Auffrischung und Wiederverwertung einzusenden. Bei sorgfältiger Recherche hätte der Autor auch den Erlass des Oberkommandos des Heeres vom 13. Juli 1936 finden müssen, der die Beschaffung der Dienstauszeichnungen durch die verleihenden Kommandobehörden regelte.[12] Je Verleihung (getrennt nach 1., 2., 3. Und 4. Klasse) war beim Beschaffungsamt für Heer und Marine anzufordern:

  1. Dienstauszeichnung
  2. Hoheitszeichen zum Band der großen Ordensschnalle[13],
  3. kornblumenblaues Band, 20 cm zu 1 DAZ.

Abgebildet ist ein abschlägiger Bescheid auf seinen Antrag zur Verleihung der Polizei-Dienstauszeichnung von „höchster Stelle“. Dem Aktenzeichen ist die bearbeitende Dienststelle zu entnahmen, das Kommando-Amt im Hauptamt Ordnungspolizei, Personalamt, Abteilung Personalangelegenheiten der Offiziere der Schutzpolizei. Von „höchster Stelle“ keine Spur.[14]

Unter Berufung auf einen Spruchkammerbescheid galt Major d. SchPol. Dr. Schäfer zuerst einmal belastet, weil er Mitglied ohne Amt in der NSV im RLB [Reichsluftschutzbund] in der DAF und in der Reichsschrifttum[s]kammer war. Doch die genannten Mitgliedschaften spielten bei der Entnazifizierung keine Rolle. Ursächlich war seine Einstufung als „Belasteter“ sicherlich dem Polizeidienstgrad geschuldet, der (zunächst) automatisch zu dieser Einordnung führte[15] und eine Beschäftigung im bisherigen Tätigkeitsfeld untersagte.


[1] K. P. Spath: Ein dorniger Lebensweg. Major der Landespolizei Dr. jur. Hermann H. Schäfer, in: Orden und Ehrenzeichen, Nr. 80, August 2012, S. 201
[2] a. a. O., S. 208; auf S. 209 wird die Wortschöpfung „Feldspange“ benutzt, die weder die Ordnungspolizei noch die Wehrmacht kannte. Auf dieser Seite findet sich auch – hervorgehoben – der Begriff das Neue Reich, mit dem wohl das „3. Reich“ gemeint ist. Vgl. Fußnote 13.
[3] Die Wehrmacht kannte keine „Mitglieder“, da sie kein Verein war, sondern nur Angehörige, gemäß dem Wehrgesetz vom 21. Mai 1935. Vgl. hierzu auch Fußnote 8.
[4] Spath, a. a. O., S. 215, Anmerkung 27. Die Quelle ist nicht überprüfbar, da es niemals ein Personalamt des OKW gab und das Oberkommando der Wehrmacht 1937 noch nicht bestand. Die Überarbeitung durch einen kompetenten Lektor hätte solch offensichtlichen Fehler verhindert.
[5] OKH Nr. 2710/37 PA 2 (III) vom 26. Mai 1937, erneuert am 16. August 1937 mit Nr. 2720/37 PA 2 (III) III.Ang.
[6] Reichsgesetzblatt I, Berlin, Nr. 23, 16. März 1936, S. 165
[7]  Vgl. Klaus D. Patzwall: Die Fahnen der preußischen Landespolizei, in: MILITARIA Heft 5, September – Oktober 2014, S. 192 f.
[8] Durchführungsbestimmungen vom 11. März 1936 in Heeresverwaltungsverfügungen, Bd. 4, Nr. 320 und 497.
[9] Von noch unbekannten Gründen, wie in OuE, Nr. 80, S. 215 in Anmerkung 20 zu lesen, kann nicht davon die Rede sein. Auch war der LP-Offz. kein aktives Mitglied der neuen Wehrmacht. Vergleiche Fußnote 3.
[10] Naturgemäß gab es die meisten Fälle unrechtmäßiger Verleihungen in Preußen. Gemäß einer Meldung  vom 23. August 1937 Generalkommando VII. Armeekorps (Wehrkreiskommando VII),  das territorial dem Land Bayern entsprach, mussten dort in 3 Fällen die DAZ aberkannt werden.
[11] OuE Nr. 80, S. 209 und S. 215, Fußnote 23 und 26
[12] Heeresverordnungsblatt, vom 21. Juli 1936, Nr. 677
[13] Der Autor verwendet in seinem Artikel auch wahlweise die Bezeichnung „Große Ordensspange“ oder „Große Schnalle“, die bei deutschen Streitkräften (Ausnahme: NVA) und der Polizei nicht angewendet wurden und Professionalität vermissen lassen.
[14] OuE Nr. 80, S. 211
[15] Vgl. Priese-Pokorny: Kommentar zum Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus, Frankfurt 1946. Belastend waren nur Führungsfunktionen.

 

 

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