Veit Scherzer: O tempora, o mores!

dieser Beitrag ist im Jg. 2011, Heft 3, Mai-Juni, S. 102

Hier vollständig abgedruckt.

 

MILITARIA erscheint zweimonatlich. Das Abo ist erhältlich im Inland für € 34,00 und im Ausland für € 40,00. Jeweils inclusive MWSt. und Versand.

Ihr Vorteil: als Abonnent erhalten Sie auf alle Buchtitel aus dem Fachverlag für Militaria & Phaleristik K. D. Patzwall 10 % Preisnachlaß.

 

Das Heft ist lieferbar. Kaufe:

MILITARIA abonnieren. Bestelle:

 

 

 

 

Kürzlich schaute ich einmal interessehalber nach, welche Buchhändler meine Titel im Internet anbieten. Dabei hatte ich ein bemerkenswertes Erlebnis. Ich stieß auf eine Seite mit Texten, die mir bekannt vorkamen. Wie elektrisiert las ich und verglich die Texte mit Textpassagen aus einem meiner Bücher. Abgeschrieben – alles abgeschrieben. Und natürlich nicht als Zitate kenntlich gemacht. Im Impressum der beschriebenen Seite prangte wie zum Hohn ein dickes Copyright-C und irgendwo auf der Seite stand, daß der Betreiber dieser Seite „keine finanziellen Interessen“ verfolge und auch „niemandem die Butter vom Brot nehmen wolle“. Als ich dann noch Stellenbesetzungen entdeckte, die auch von mir stammten, mailte ich den Betreiber an. Ich erklärte ihm, daß er mit dieser Homepage genau das tue, was er eigentlich nicht wolle, nämlich Menschen, die vom Schreiben leben, die Existenz zu rauben. Ausführlich schilderte ich ihm, wie mühevoll, zeitraubend – und damit auch kostenträchtig – es ist, so ein Buch zu schreiben. Und was mache er, er schreibe daraus einfach ab, noch dazu die Filetstücke!, stelle das Geraubte ins Netz, gebe es als sein geistiges Eigentum aus und beanspruche dafür auch noch die Rechte! Ob er denn keine Ehre mehr im Leib habe, sich mit fremden Federn zu schmücken, wollte ich wissen.

Nach einigen Tagen erhielt ich die Antwort, die nur schwer verdaut werden konnte. Ich solle doch „mit dem Gejammere“ aufhören und außerdem lägen die ganzen Daten und Fakten ja im Bundesarchiv und da habe ja jeder Zugriff drauf. Er würde schließlich auch recherchieren (womit er das Abschreiben aus diversen Quellen meinte).

Auf meinen Einwand, daß die Daten und Fakten zwar im Archiv lägen, aber doch nicht als fertige Manuskripte, sondern aus Hunderten von Akten, Karteikarten usw. usf. herausgefiltert und mosaiksteinartig zu einem Ganzen zusammengesetzt werden müssten, drohte er mir mit dem Rechtsanwalt. Wenn ich öffentlich behaupten würde, er hätte abgeschrieben, würde er gegen mich vorgehen. ER drohte MIR!

Nun scheint die Rechtslage tatsächlich so zu sein, daß historische Daten und Fakten nicht geschützt sind bzw. werden können und auch bis zu etwa 10% des Textes aus Publikationen zitiert werden dürfen (je nach Gusto des Richters). Zitiert, nicht abgeschrieben. Aber wenn diesen feinen Unterschied offenbar nicht einmal mehr Bundesminister auseinanderhalten können, kann man das dann von einem einfachen Mann aus dem Volke verlangen? Mir wurde jedenfalls abgeraten dagegen vorzugehen.

Diese höchst unerquickliche Angelegenheit ist heutzutage bei weitem keine Ausnahme, ja, man gewinnt den Eindruck, daß derartige Raubzüge immer mehr zur Norm werden.

Vor einiger Zeit bekam ich einen Anruf. Ein mir unbekannter junger Sachse erklärte mir, er betreibe eine Internetseite zum Thema Zweiter Weltkrieg. Ich solle ihm doch mein Buch über die 113. Infanterie-Division senden (kostenlos versteht sich), dann könne ich bereits nach zwei Wochen seinen (!) geistigen Erguß im „Weltnetz“ ansehen und lesen. Da bleibt einem die Spucke weg.

Ich frage mich nun ernsthaft, wie lange es perspektivisch gesehen überhaupt noch machbar sein wird, vom Schreiben und Verlegen von Büchern den Lebensunterhalt einer Familie zu bestreiten. Nicht etwa, weil der Markt für Militärgeschichtstitel kleiner wird und die potentiellen Kunden – Privatleute, wie Bibliotheken – sparen. Das macht es einem Sachbuchautor und Verleger heute zwar nicht leicht, aber es gibt geeignete Instrumente dagegenzuwirken und am Markt zu bestehen. Man wäre als Verlagskaufmann ungeeignet, wenn einen das schrecken oder gar verzweifeln ließe. Nein, das ist es nicht. Sondern, weil die Zahl derjenigen, die einem die Ergebnisse teilweise jahrelanger Recherchen skrupellos rauben und „ohne finanzielles Interesse“ im Internet veröffentlichen, geradezu explodiert. Durch diesen dreisten Diebstahl geistigen Eigentums – für mich ist es das – brechen zum einen Umsätze weg, zum anderen nimmt es einem auch die Freude an der Arbeit. Die Folge ist ein Sterben der Fachverlage bzw. eine Reduzierung der Militaria-Sparte bei großen Verlagen, wie seit einiger Zeit zu beobachten. Zudem wird es immer weniger Autoren geben, die einen geeigneten Verlag finden und die Profi-Schreiber werden sich zwangsläufig anderweitig orientieren. Schade um das Fachwissen, welches verlorengehen wird.

Anders als bei Marktschwankungen kann man gegen diese unsägliche Entwicklung nicht gegensteuern. Man kann sich nicht wehren. Man muß zusehen, wie man beraubt wird. Wie andere das Raubgut, das oftmals sehr schwer erarbeitete, kostenlos unters Volk streuen und sich dafür in betreffenden Foren und in den Gästebüchern ihrer Homepages noch über den Schellenober loben lassen. Und fragt man sie, ob sie sich denn nicht schämen, stößt man auf völliges Unverständnis. Ihnen ist das Verwerfliche ihres Tuns überhaupt nicht bewußt, denn sie haben doch auch „recherchiert“. Und versucht man es ihnen zu erklären, dann verbitten sie sich das „Gejammere“ und lassen einen mit einem gelangweilten „Ach, halt´s Maul, Alter!“ abfahren. Und das, liebe Leser, das tut weh und es verbittert.
Die Moral und der Anstand sind auf den Hund gekommen. O Tempora, o mores!

 

Dieser Beitrag wurde unter Bücher, Faleristik abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar