Klaus D. Patzwall: Fälschten die Nazis auch den Kalender? Anmerkungen über die (Er)kenntnisse eines Orden-Gutachters

Heft 2/2004

dieser Beitrag ist im Jg. 2004, Heft 2, März-April, S. 44-45

Hier vollständig abgedruckt.

 

Der „öffentlich berufene und vereidigte Sachverständige für Orden und Ehrenzeichen“ Jörg Nimmerguti publizierte im Magazin „für Sammler und Forscher“ii Erkenntnisse über Fälschungen und wie man sie enttarnen kann. Viele seiner Feststellungen sind zwar schon seit fast zwei Jahrzehnten bekannt, weil veröffentlicht, doch einige Beurteilungen sind neu und bemerkenswert. Über eine soll hier ergänzend berichtet werden. Es ist die abgebildete und beschriebene Verleihungsurkunde für die 3. Stufe des Volkspflege-Ehrenzeichens.

Den Titel eines Generaloberarztes gab es im Heer der Deutschen Wehrmacht nicht, sondern lediglich in der königlich-preußischen Armee bis zum Jahr 1918“, das kann bestätigt werden. Allerdings handelt es sich nicht um einen Titel, sondern einen Dienstgradiii.

Nimmergut ist weiterhin davon überzeugt, „ein Dr. Ottokar Brunzlow ist in den höheren Rängen des Militär-Sanitätswesens unbekannt!“ Da die Dienstgradbezeichnung Generaloberarzt in der Wehrmacht nicht verwendet wurde und auf der Urkunde mit dem Zusatz (a.[außer] D.[ienst]) versehen ist, kann der Beliehene kein Offizier der Wehrmacht gewesen sein. Nahe liegend ist der Griff zur „Ehrenrangliste“iv, die auch in jeder Handbibliothek eines Ordenssammlers Pflicht ist, und schon ist der Nachweis geführt, einen Militärarzt mit diesem Namen und Dienstgrad hat es sehr wohl gegeben.

Weiterhin wird bemängelt, „die 3. Stufe des Ehrenzeichens war, gemessen am angegebenen Rang, viel zu niedrig, … nach den Statuten hätte er die 1. Stufe bekommen müssen.“ Entsprechend der Urkunde war der Beliehene a. D., bekam die 3. Stufe somit als Zivilist, nicht als Soldat. Dazu heißt es in den Verleihungsbestimmungen: „Es ist grundsätzlich daran festzuhalten, dass bei der ersten Auszeichnung die Medaille oder die 3. Stufe zur Verleihung vorgeschlagen wird. Die 2. oder 1. Stufe sollen in der Regel nur Personen erhalten, die die nächst niedere Stufe bereits seit mindestens 2. Jahren besitzen.“v Formal ist somit in diesem Fall die Verleihung der 3. Stufe korrekt.

Abschließend wird verkündet, sicherlich als Resultat intensiver Recherche: „Zudem war der 8. Oktober 1942 ein Samstag; da hat die ausstellende Behörde mit Sicherheit nicht gearbeitet.“ Alle bekannten Kalender von 1942 weisen dagegen den 8. Oktober 1942 als Donnerstag aus. Nimmergut sichert seine Urteilskraft zusätzlich mit der Behauptung zu einer weiteren Urkunde abvi, deren „Ausstellungsdatum 20.1.1938 war ebenfalls ein Samstag“. In diesem Fall korrespondiert der zeitgenössische Wochentag ebenfalls nicht mit dem Nimmergut-Wissen. Auch wenn das Fazit im OuE-Beitrag lautet: „Alles ist möglich!“, möchten wir nicht der sich aufdrängenden Schlussfolgerung beitreten, die Nazis haben den Kalender gefälscht.

Jedes vorgebrachte Argument vom Autor zur Demaskierung der abgebildeten – angeblichen oder tatsächlichen – Fälschung ist nicht wahrvii.

i In seinem Beitrag über „Freie Fälschungen“ vermeidet der Autor jeden Hinweis auf seine Tätigkeit als Gutachter.

ii Orden und Ehrenzeichen, Nr. 29, Feb. 2004, S. 2-13; man wird sich mit diesem Artikel sicherlich nochmals befassen müssen.

iii Jemand, der von Berufs wegen ständig mit dem Gesetz über „Titel, Orden und Ehrenzeichen“ befasst ist, sollte eigentlich den Unterschied kennen.

iv Ehren-Rangliste des ehemaligen Deutschen Heeres, auf Grund der Ranglisten von 1914 und der inzwischen eingetretenen Veränderungen hrsgb. vom DOB, Berlin 1926. Ein weiteres Eingehen auf die Person Brunzlow oder andere Veröffentlichungen erübrigt sich, da es nur um die Beantwortung der Frage geht, ob es jemals einen deutschen Sanitätsoffizier mit diesem Namen und gleichem Dienstgrad gab.

v Es sind sogar Fälle bekannt, in denen der Vorschlag auf Verleihung der 3. Stufe an stellvertretende Gauleiter von Hitler nicht genehmigt wurde. Selbst der Staatssekretär und SS-Gruppenführer K. H. Frank erhielt nur die 2. Klasse.

vi Orden und Ehrenzeichen, Nr. 29, Feb. 2004, S. 12

vii Vgl. hierzu: OMM Nr. 82, S. 51; MILITARIA, Heft 6/2003, S. 200, Heft 5/2003, S. 184, Heft 4/2003, S. 129; Heft 3/2003, S. 93; Heft 2/2002, S. 23; Heft 5/2001; Herold-Jahrbuch (Neue Folge), 7. Band, 2002, S. 243 ( Hier wird der Vorwurf erhoben, „… leistet der Autor [J. Nimmergut] durch die Abbildung von Fälschungen dem Betrug Vorschub.“)

 

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