Klaus D. Patzwall: Sachverständige unter sich

dieser Beitrag ist im Jg. 2004, Heft 1, Januar-Februar, S. 31-32,
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In den letzten Monaten wurde eine Dokumentationi über das „Goldene Ehrenzeichen der NSDAP“ (Goldenes Parteiabzeichen) erarbeitet, wobei im Mittelpunkt die Verleihungen ehrenhalber standen. Insbesondere die unter diesem Gesichtspunkt ausgewertete Literatur förderte manches bemerkenswerte Detail zu Tage. Über ein solches soll vorab berichtet werden.

Ausgangspunkt sind die zeitgenössischen Verleihungslistenii, die sich zeitlich überschneiden, zudem durchnummeriert, mit Datumsangaben versehen sind und dadurch mit 99% Sicherheit zumindest den Nachweis von Verleihungstagen und häufig die formale Zuordnung einer Dekoration zu einer bestimmten Person ermöglichen.

Im Werk des „vereidigten Sachverständigen für Orden und Ehrenzeichen“, Jörg Nimmergutiii, findet sich als Anmerkung zu einer abgebildeten Fertigungsvariante die Behauptung: „Dieser Typ existiert auch mit Namensgravur des Trägers, so „P. G. SEYSS-INQUART / A. H. / 20.4.1938“. Als Beweis dient ein von L. Hartung herausgegebener „Spezialkatalog“iv. Nimmergut hat daraus falsch zitiert, denn die Schreibweise des Namens auf der Hartung-Abbildung lautet „SEYSS-JKQUART“ (sic!).

Der Spezialkatalog-Autor nennt sich „ältester Sachverständiger … und Prüfer von Orden“, „Autor weltbekannter Bücher“ und betreibt einen Verlag für Fachbücher „aus wissenschaftlicher Forschung“v. „Mehr sein als scheinen … war schon in der Schulzeit unsere Devise (nicht nur auf unseren Dolchen…)“vi. Dass die Lehrinhalte seiner Jahre auf der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt bis heute seine „wissenschaftliche Forschung“ prägen, daran lässt er keinen Zweifel aufkommen. Als sich jüngst ein Autor brieflich beim ihm für eine erbetene Fotokopie bedankte und zum Ausgleich für entstandene Kosten Briefmarken beilegte, erhielt er folgende Antwort, Zitat:

wer Massenmörder (Elser) auf Propagandamarken hochjubelt, die 8 Tote und 60 Verletzte, insgesamt völlig Unschuldige auf dem Gewissen haben, muß sich nicht über Widerstand wundern.

Daß historisch geschulte Ordenssammler so etwas zum Schaden unserer Jugend verwenden, macht sich mitschuldig dieser Greulpropaganda.

Anbei diesen Unrat zurück.

Elser ist auch nicht „ermordet“ worden, sondern hat nach seinem Attentat noch 5 Jahre zu lange gelebt. Das überhumane 3. Reich hat diesen Mörder 5 Jahre durchgefüttert, in Israel hätte er den nächsten Sonnenaufgang nicht mehr erlebt.“vii

Seiner Antwort hatte „Ordensprüfer“ Hartung die Briefmarkenviii der Deutschen Post beigelegt – fein säuberlich zerschnitten.

Eine unfreiwillige Selbstauskunft des „Ordensprüfers“ spricht eine deutliche Sprache hinsichtlich Fachkompetenz. Seine Strafanzeige wegen „arglistiger Täuschung“ gegen einen Militaria-Händler in Krefeld, der ihm eine Dekoration mit dem Auftrag zur Erstellung einer Expertise zusandte, begründete er wie folgt: „… der H. hätte mitteilen sollen, dass es sich um kein Original handelt, [darum] erkannte ich diese Fälschung nicht und erstellte [eine falsche] Expertise.“ix Lothar Hartung erklärte der Staatsanwaltschaft, dass gemäß seiner „Prüfordnung“ die Auftraggeber verpflichtet sind ihm mitzuteilen, ob es sich bei den Prüfstücken um Fälschungen oder Originale handelt!x

 

Ein Abgleich mit der Matrikel brachte zu Tage, dass das Goldene Ehrenzeichen dem Reichsstatthalter Seyss-Inquart nicht am 20.4.1938 verliehen wurde, wie die im Hartung-Katalog abgebildeten Gravur glauben macht, sondern am 30.1.1939. Das von Hartung und Nimmergut präsentierte Goldene Parteiabzeichen ist eine Kopie, Fälschung, Falsifikat, oder wie immer man es bezeichnen möchte. Doch noch weitere Details, wobei Fragen zur Fertigungstechnik noch nicht einmal berücksichtigt werden, ermöglichen seine Enttarnung als Fälschung.

  1. die ins Auge fallende falsche Schreibweise des Namens,

  2. die Verwendung des Kürzels P[artei]. G[enosse]., die auf keiner gleichartigen Dekoration vorkommt,

  3. am 20.4.1938 ist keine einzige Verleihung erfolgt,

  4. aus dem Sudetenland und Österreich erhielt niemand bis Januar 1939 ein Goldenes Parteiabzeichen,

  5. über die zum 30.1.1939xi erfolgten Verleihungen berichtete die gesamte damalige Tagespresse und zumindest die hochrangigen Personen, wie z. B. Seyss-Inquart, wurden namentlich erwähnt.

Im Fall des von Hartung in die Öffentlichkeit lancierten, angeblich dem letzten Bundeskanzler der 1. Österreichischen Republik gehörenden Ehrenzeichens, hat sich ein „vereidigter Sachverständiger“ die Veröffentlichung des „ältesten Sachverständigen“ zu Eigen gemacht. Dass diese Fälschung dadurch fahrlässig als zeitgenössisches Original Eingang in die Literatur gefunden hat, ist nicht zu entschuldigen.

 

Quellen / Literatur

i Erscheint in Kürze unter dem Titel: Das Goldene Ehrenzeichen und seine Verleihungen ehrenhalber.

ii Nationalarchiv, Washington/USA. Mikrofilm im Besitz des Autors. Keiner der einschlägigen Autoren hat sich der Mühe ihrer Auswertung bisher unterzogen.

iii Nimmergut, Jörg: Deutsche Orden und Ehrenzeichen bis 1945. Band 4, München 2001, S. 2037; weitere Sachfehler in diesem Werk werden im angekündigten Titel berichtigt.

iv Hartung, L.: Auszeichnungen des 3. Reiches, Spezialkatalog, 1997/98, S. 110, Langeloh 1996

v Vgl. http://www.expert-Hartung.de

vi Wie zuvor.

vii Kopie im Archiv Autor.

viii Herausgegeben anlässlich des 100. Geburtstages des Hitler-Attentäters Georg Elser.

ix L. Hartung – Sachverständiger für historische Militärgegenstände – Strafanzeige, vom 6. Juni 2002, an die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Krefeld; 3. Seiten und Anlagen

x Wie zuvor; Interessanterweise behauptet L. Hartung in seiner Strafanzeige, der „Ordensprüfer Nimmergut“ in München hätte ebenfalls eine „Foto-Expertise mit Echtheitsbeschreibung“ von der Fälschung angefertigt.

xi Vgl. z. B. „Für Verdienste um Volk und Reich“. In: „Völkischer Beobachter“, München, 31.1.1939. Ein Besuch des ortsansässigen Autors in der Münchner Stadtbibliothek, die über zahlreiche VB-Jge. verfügt, hätte ihm z. B. diese Information leicht zugänglich gemacht.

 

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